Culture-Clash-Protokoll: Tod, Anstand und Echtzeitweb
(Anmerkung: Dieser Text entstand aus einer gewissen Ratlosigkeit heraus und erhebt keinen Anspruch auf die Richtigkeit seiner Schlussfolgerungen (sofern vorhanden).)
Aus Gründen, die hier nicht weiter wichtig sind, gehörte ich zu den Ersten, die am vergangenen Dienstag vom Tod des Düsseldorfer Künstlers Stefan Demary erfuhren. Stefan und ich waren miteinander bekannt, aber keine dicken Freunde.
Es war ein Tod mit Ansage, Stefan war schwer krank. Die Todesnachricht überraschte mich also nicht, trotzdem kickte sie mich erstmal gehörig aus der Arbeitsroutine. So richtig wusste ich nicht wohin und was tun.
Aus einem Impuls heraus habe ich dann Stefans Wikipedia-Eintrag aktualisiert, also Sterbedatum und -ort hinzugefügt und die Zeitform des Textes angepasst. Das erschien mir (und erscheint mir immer noch) das Richtige zu sein, schließlich war absehbar, dass mit dem Bekanntwerden von Stefans Tod etliche Menschen auf dieser Seite landen würden (und sei es über Google), und der Artikel sollte einfach nicht so aussehen, als kümmere sich niemand darum. Man kann das als eine Art virtuelle Grabpflege betrachten, wenn man will.
Vorhang auf für den Culture-Clash: Heute erreichte mich die E-Mail eines gemeinsamen Freundes, die bis zum Rand mit Gift gefüllt war und in der er sich darüber erregte, dass ich den Eintrag so zeitnah verändert hatte. Er fand das "respektlos". Implizit unterstellte er mir obendrein niedere Beweggründe, Wichtigtuerei, etc. Das schmerzte natürlich ziemlich und ich empfand die Vorwürfe als ungerecht. Ich konnte die Gedankengänge außerdem nicht im Geringsten nachvollziehen: Aus meiner Sicht wäre es viel eher respektlos gewesen, den Artikel nicht schnellstmöglich zu aktualisieren. Nach einigen Hin- und Her-Mails konnte ich die Sache dann gerade rücken und die Wogen glätten.
Den E-Mail-Schreiber würde ich – wie die allermeisten Zeitgenossen in meinem Alter – als Semi-Offliner bezeichnen. Das sind für mich Leute, die zwar Mail, Online-Banking, Reisebuchungen, Spiegel Online etc. nutzen, denen das Web und seine Kultur aber ansonsten fremd sind.
Und hier wird aus obiger Anekdote, die man auch einfach als Missverständnis abhaken könnte, ein interessantes Musterexemplar für die Auswirkungen, die der immer breiter werdende digitale Graben auf unser gesellschaftliches Miteinander hat. Die (implizite oder explizite) Unterstellung eigennütziger oder sonstiger mit Negativstempel behafteter Motivationen ist nämlich das stets vorhandene Kernstück der Kritik von Offlinern am Online-Treiben:
- Blogger schreiben aus Eitelkeit und Selbstüberschätzung das Netz voll
- Twitterer glauben, die ganze Welt interessiere sich für ihr Mittagessen
- Wikipedianer sind Klugscheißer
- Facebook ist wahlweise für Exhibitionisten oder für Stalker erfunden worden
- usw.
Wie absurd diese Sichtweise ist, offenbart sich, wenn man sie auf gesellschaftlich akzeptierte Offline-Verhaltensweisen anwendet:
- Wer Freunde zu sich nach Hause zum Essen einlädt, will nur mit seiner Kochkunst angeben
- Wer ein Instrument lernt, ist nur an Ruhm und Geld interessiert
- Wer ein Buch empfiehlt, will nur mit seiner Belesenheit prahlen
- Wer ein Kind in die Welt setzt, will sich nur einen Menschen zulegen, dessen Zuneigung garantiert ist
- usw.
Klingt bescheuert? Ja, liebe Offliner, genau so bescheuert, wie Eure ewigen Litaneien über eitle, egoistische Selbstdarsteller, die in Euren Augen das Web bewohnen.
In frisch aufgetauchten Technologien stets das Dumme, Gefährliche und Verwerfliche zu sehen, ist kein neues Phänomen. Neu ist lediglich die Geschwindigkeit, mit der das Netz einen Teil der Gesellschaft durchdringt, während der Rest kopfschüttelnd daneben steht.
Die obige Anekdote zeigt aber auch, wie viel gesellschaftlichen Klärungsbedarf es noch gibt, im Spannungsfeld von Anstand, Ethik und Echtzeitweb. Langweilig dürfte es in den kommenden Jahren jedenfalls nicht werden.


Beim Autotelefon und den nachfolgenden Funktechniken gelang es den neidischen Nichtnutzern erfolgreich, 'diesen Schnöseln' mit dem Thema Elektrosmog etwas Salz in die Suppe zu schütten, ohne dass sich die Nutzer groß darum scherten. Im Web wird aus ähnlichen Motiven über "zu frühe" Wikipediaeinträge lamentiert, aus Neid, nicht der erste gewesen zu sein!
Als zweite Ursache vermute ich mal das Unverständnis technischer Zusammenhänge. Die Angst, zugeben zu müssen, etwas nicht verstanden zu haben und sich deswegen mit dem Thema nicht zu beschäftigen, wird hierzulande bedient durch die Angst- und Gefahrendiskussion. Das Resultat ist, dass alles, was Angst bereitet, bekämpft wird.
Kuriosität am Rande: Die Reaktion eines befreundeten Dorfbürgermeisters, dem ich versuchte, die digitale Dividende zu erklären war schlicht: "Internet? So'n Schweinkram kommt mir nicht ins Dorf!"
Über meinem Schreibtisch hängt seit einigen Jahrzehnten der Spruch: "Neid und Ignoranz ist die höchste Form der Anerkennung".
In diesem Sinne erwiesen mir bereits viele Menschen die Ehre ;)
Nebenbei: Es ist seit langem gängige Praxis der größeren Zeitungen, Nachrufe auf 'Persönlichkeiten' von Rang vor ihrem Ableben in Auftrag zu geben. Kein geringerer als Karl Kraus überzog dies mit seinem herrlich-beißenden Spott...
Mit einem Gruß,
Ludi_Chris
Wie Mario oben schon sagte haben wir uns im Mailhinundher zwar nicht geeinigt ( was ja auch albern wäre ) so zumindest genähert. Da ich doch sehr in diese Nahtodsituation involviert war, schien es mir angebracht auf den Wikipediaeintrag zu reagieren. Altmodisch emotionell natürlich. Etwas beleidigend, gebe ich ja zu. Daraus jetzt aber eine reaktionäre Haltung dem Internet gegenüber zu häkeln, halte ich für total bizarr.
Da bitte ich doch um mehr onlinecredibility.
Ich habe mich einfach nur geärgert und meinem Unmut Luft gemacht und über mein Autotelefon Rauchzeichen gesendet.
@Sixtus: Ich glaube nicht dass der "digitale Graben immer breiter wird". Immer mehr Menschen sind immer länger online, und der Trend setzt sich fort. Es gibt auch manche Ältere die doch noch den Web ins Netz finden. Je mehr die Netzkultur ein Massenphänomen wird, desto höher steigt die Akzeptanz auch offline. Neue Technik braucht eine gewisse Zeit, eine gewisse Eingewöhnungsphase, um sich breit zu etablieren. Das hat auch Katrin Passig in ihrem Artikel gut durchleuchtet. Ich gehe davon aus, dass die Spannungen eher abnehmen als zunehmen. Obwohl es bestimmt noch lange dauern wird bis die (leider oft sehr alten) Abgeordneten etwas vom Netz verstehen. Dann aber darf man irgendwann auch mal auf eine vernünftigere Gesetzgebung in der Netzpolitik hoffen.
(sorry, neu gepostet wegen hitzebedingter Wahrnehmungsstörung)
Oder anders, Sixtus schrieb selbst etwas von "virtuelle Grabpflege", das war es eben nicht. Es war eine "virtuelle Beerdigung", an der nur eine Person teilnahm. Grabpflege kommt später...
Die Aussage von Sixtus: "...der Artikel sollte einfach nicht so aussehen, als kümmere sich niemand darum" ist Unsinn. Als ich einen Tag nach seinem Tod auf die Seite klickte, um sie zu aktualisieren, wunderte ich mich auch, dass da jemand so schnell war.