It's The Asymmetry, Stupid!
Das Web ist voll des Buzzes über Google+, und es sieht ganz danach aus, als hätte Google dieses Mal so einiges richtig gemacht. Anders als viele dort draußen halte ich übrigens nicht die "Circles" und nicht die "Web-Offenheit" (wie auch immer man die definieren will) für den entscheidenden Aspekt, der Mark Zuckerberg an seinen Fingernägeln kauen lässt, sondern vielmehr die (zweifellos von Twitter inspirierte) Asynchronität Asymmetrie der Beziehungen.
Es gibt Menschen im Web, die interessieren mich sehr, die sich andererseits für mich aber nicht die Bohne interessieren. Im Netz ist das völlig normal. Ich muss dafür kein "Fan" sein und die mich interessierende Person kein "Promi" (obwohl es natürlich manchmal so ist). Facebook erlaubt solcherlei Einbahnstraßen-Verhältnisse nicht. Man ist dort entweder miteinander "befreundet" oder eben nicht. Facebook kennt nur das zweigleisige Teilen von Gedanken, Medien und Links. Das entspricht dem Verhalten in der Offline-Welt, aber eben nicht der Kultur des Webs, in der es üblich ist, dass auch Wildfremde etwas miteinander "sharen". (Ausnahmen sind die "Fan"-Seiten auf Facebook, aber die sind kein Default.).
Das läuft bei Google+ prinzipiell anders: Ich folge dort beispielsweise den (öffentlichen) Updates von Sergey Brin und Larry Page, ohne, dass sie irgend eine "Freundschaft" o.ä. bestätigen mussten. Das finde ich sehr webby.
Ich habe keine Ahnung, ob Google+ durch dieses Feature viele Facebook-Nutzer zum Wechseln bewegen wird, aber klar ist: Zuck könnte in diesem Fall seine Fratzenfibel nicht mal eben updaten. FB und G+ sind nach grundsätzlich unterschiedlichen Philosophien konstruiert: Die Fressenkladde versucht die Kohlenstoffwelt abzubilden, Plus ist aus der Kultur des Web gewachsen.
Altes gegen neues Denken. Hörst Du das, Evolution? Mach Dich an die Arbeit!
(Update: Ja, "asymmetrisch" ist natürlich wortrichtiger als "asynchron". Ich habe zu viel Zeit im Schnitt und zu wenig in der Geometrie verbracht.)


Eine perfekte kombination von Twitter und Facebook.
Man kann schnell "Alle" erreichen wenn man mag und dennoch einen Freunde Stream haben.
Es kommt Twitter teilweise wirklich sehr nah und macht es dennoch einfach neue leute über Kommentare kennenzulernen. Hoffentlich kommen bald Hashtags dazu.
Die restlichen Google Dienste helfen G+ zur echten Facebook Alternative (Kalender, Picasa, Video Chat und demnächst auch Spiele)
Ja, es ist richtig, dass G+ einen anderen Ansatz wählt und andere Philosophien umsetzt. Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass der Google-Ansatz aus der "Kultur des Webs" entspringt - im Gegenteil: Ich denke, dass der Google-Ansatz die Kultur der realen Welt viel besser umsetzt als Facebook.
Ich kann auch dort draußen die Ideen von Menschen spannend finden und ihnen "folgen" wollen, ohne sie persönlich zu kennen oder mit ihnen in einer symmetrischen Beziehung zu stehen: Wenn ich Zeitungen oder Bücher lese, dann kenne ich die Journalisten und Autoren meistens nur vom Namen und sie kennen mich schon überhaupt nicht.
Man kann die Medien auch aus der Gleichung streichen, wenn man öffentliche Veranstaltungen mit Redner wählt.
Aus diesem Grund ist G+ für mich viel "realistischer" als Facebook, wo ich künstlich zu einer Symmetrie gezwungen werde. Facebook ist schwarz-weiß. Google ist bunt. Und die Welt da draußen ist noch viel bunter.
Sehr gut, Sixtus. DAS ist wirklich eine interessante Erkenntnis. Ich hab mir vorhin zwar auch gedacht: "Hmm - ob jetzt G+ nicht auch "Ersatz" für Twitter werden könnte?" – aber auf diesen speziellen Aspekt bin ich nicht gekommen. Wenn Fratzenfiebel jetzt plötzlich alt aussieht - dann doch Twitter eigentlich noch viel mehr. Nicht?
Der Grund warum wir (viele/alle?) noch da und dort lange bleiben werden ist der jeweilige persönliche soziale Graph und die gelernten Info/Datamining/Kommunikations-Workflows, die jeder so hat.
Einfach Freunde exportieren und in G+ importieren langt ja nicht. Oder doch? Man könnte die verlorenen Seelen auf den sinkenden Facebook- und Twitter-Schiffen ja immerhin noch per "Mail" direkt erreichen, wenn man auf G+ was postet. Aber Mail liest ja "keiner" mehr. ツav
Ist ja nicht jeder ein Reporter mit Schwerpunkt Internet und eben jenen wahrscheinlich sehr vielen sozialen Kontakten, die dazugehören!
Ich denke es wird nur wenigen Wochen dauern, bis fb hier nachzieht, und z.B. solche hidden features in explizit wählbare zu wandeln.
Abgesehen davon würde es mich stärker beeindrucken, wenn sich die evolutionstreibende Netz-Intelligenzia nicht allzu lange mit solch minimalistischen Feature-Versteh-Diskussionen aufhalten würde und sich alsbald ein kollektives Nachdenken darüber entwickelte, was Google mit dem umfassenden Blick in unsere Gehirne und Beziehungen wohl anzufangen in der Lage wäre. Es kennt Deine Gedanken, weil es weiss, was Du suchst, es weiss, wann Du Dich an welchem Ort aufgehalten hast und jetzt kennt es auch Deine Kreise. Es ist völlig offensichtlch, dass eine solche Zusammenführung und Archivierung von privaten Daten eine Gefahr für die Zivilgesellschaft darstellt, das Missbrauchspotential ist zu gross - es sollte dringend mit allen Kräften daran gearbeitet werden, einen massenhaften Boykott dieser Services zu etablieren, anstatt ihnen schäfchen-doof hinterherzutrotteln! Das gilt natürlich auch für FB(I) und andere.
Eine wie auch immer mit tollen Features ausgestattete soziale Plattform der Zukunft muss dezentral sein mit maximaler Transparenz und informationeller Selbstbestimmung, ohne die Möglichkeit solcher Datensammlungen, die Infrastruktur muss von den Benutzern selbst getragen werden und es darf kein Zugriff durch Firmen, Institutionen oder Regierungen auf persönliche Daten überhaupt möglich sein - neben der Realisierung eines solchen Konzeptes in Software brauchen wir auch dringend eine gesetzliche Grundlage, die solche Dienste in ausschliesslich eben dieser Form erlaubt, damit das Netz der Zukunft nicht zu einem Orwell´schen Albtraum wird, die Zeit drängt. Also bitte hier nicht von Evolution schwafeln, wenn es doch mit wachen Augen keinen Schritt nach vorn zu sehen gibt - und zu den Waffen, bitte! :)
Asymetrie als Follower aufbauen, in möglichst vielen Circles vertreten zu sein entsprich eher dem PS Geprotze der Männer.