Lieber Christoph Keese
Lieber Christoph Keese,
wir beide sind ja selten einer Meinung. Zum Beispiel halte ich im Gegensatz zu Ihnen sehr wenig von der Idee eines Leistungsschutzgeldes, also einer Zwangsabgabe auf Internet-Nutzung, mit der die Verlage das wirtschaftliche Versagen ihrer presseähnlichen Angebote im Internet kompensieren möchten, eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für Verleger, also.
(Und: Nein. Die Web-Angebote der Öffentlich-Rechtlichen haben nicht die Bohne mit dem unternehmerischen Debakel der Verleger zu tun: Schauen Sie mal in die USA, wo der Medienwandel schon ein paar Schritte weiter vorangekommen ist. Dort gibt es quasi gar keine öffentlich-rechtliche Angebote im Web. Trotzdem stirbt dort eine Zeitung nach der anderen, und die Nachrichten-Angebote im Web haben alle zu kämpfen. Vielleicht reicht Ihnen dieser Fakt ja als Anregung für eine kleine Meditation über die Unterschiede zwischen Koinzidenz, Korrelation und Kausalität.)
Unsere Sicht auf die Welt im Allgemeinen und auf das Netz im Besonderen differiert noch in etlichen anderen Aspekten, deren Aufzählung müßig wäre. Wir beide arbeiten an gänzlich unterschiedlichen Zukunftsperspektiven.
Um so mehr freue ich mich, dass Sie einen kleinen Teilbereich meiner Arbeit ganz offensichtlich doch zu schätzen wissen: meine Fotografie. Für die Illustration Ihres Textes mit der Überschrift “Warum Bild.de kein Piratensender ist” auf Ihrem privaten, presseähnlichen Angebot namens “der presseschauder” verwenden Sie ein Portraitfoto von Markus Hündgen, das ich am 21.09.2009 geschossen habe.
Das Foto steht unter einer so genannten Creative Commons Lizenz (CC-BY-NC). Sollte Ihnen das nichts sagen und Ihre Zeit für eine kurze Google-Recherche nicht ausreichen, kläre ich sie gerne auf: Die Veröffentlichung dieses Fotos für nicht-kommerzielle Zwecke ist unter der Bedingung erlaubt, dass der Urheber genannt wird. Leider haben Sie diese Lizenzbedingung nicht eingehalten und mein Foto somit widerrechtlich auf Ihrem presseähnlichen Angebot publiziert.
Ich bin ganz offen mit Ihnen, mein lieber Christoph Keese, bisweilen lasse ich schon mal Fünfe gerade sein, wenn ein Blogger meine Fotos illegal verwendet. In Ihrem Fall ist es mir jedoch leider unmöglich, in den Langmut-Modus zu wechseln. Hier einige der Gründe:
- Die Axel Springer AG, für die Sie als Konzerngeschäftsführer tätig sind, verschickt Lizenzforderungen von mehreren hundert Euro an Internet-Publizisten, die aus dem in Ihrem Hause erscheinenden presseähnlichen Angebot “Welt” zitieren. Ob diese kurzen Textschnipsel unter das Zitaterecht fallen, wird vor Rechnungsstellung offenbar gar nicht geprüft.
- Andererseits übernehmen Sie den kompletten Artikel des Kollegen Markus Hündgen in dem oben genannten Text Ihres privaten presseähnlichen Angebots mit dem lapidaren Hinweis, als Gegner des Leistungsschutzrechts habe er sicherlich nichts gegen eine kostenlose Vollübernahme. Polemisch ausgedrückt: Folgt man dieser Argumentation, wäre es legitim, George W. Bush auf offener Straße zu erschießen, denn schließlich ist er ein bekennender Befürworter der Todesstrafe. Nicht so polemisch ausgedrückt: Es ist schon interessant, wie gleichgültig Ihnen die geltende Rechtslage auf einmal ist, wenn es um die Rechte Ihres politischen Gegners geht, bzw. wenn Sie “vorführen” wollen, “wie unangenehm ungenehmigte Kopien sind”.
- Ich mag es einfach nicht, wenn Menschen von Podium zu Podium pilgern und dort das hohe Lied auf das so genannte geistige Eigentum singen, während sie gleichzeitig mit den Rechten von Urhebern nach Tageslaune verfahren. Mein Lieber Herr Keese, Sie sind nicht Pippi Langstrumpf und Sie können sich die Welt nicht machen, wie sie Ihnen gefällt.
Hiermit stelle ich in Rechnung:
Online-Lizenz für das Portraitfoto “Markus Hündgen” zur Verwendung unter der Domain presseschauder.de:
Euro 500,00
Frechheits-Zuschlag von 100%:
Euro 500,00
zzgl. 7% Mwst.:
Euro 70,00
Summe:
Euro 1070,00
Zahlbar binnen 14 Tagen nach Rechnungsdatum auf unten stehendes Konto.
Ich bedanke mich für die Nutzung meines Fotos, bitte Sie jedoch, sich künftig entweder an die Creative-Commons-Lizenzen zu halten oder sich mit mir vorher auf ein individuelles Lizenzmodell zu verständigen.
Mit freundlichen Grüßen
Mario Sixtus
Anlage: Screenshot presseschauder.de vom 14.07.2011
P.S.: Da ich im Impressum Ihres presseähnlichen Angebots keinerlei ladungsfähige Anschrift finden konnte, schicke ich Ihnen diese Rechnung an die Adresse Ihres Arbeitgebers.
Nachtrag 15.07.2011: Ich habe mich telefonisch mit Christoph Keese geeinigt. Er wird 1.000 Euro an Creative Commons spenden. Dafür vergesse ich die Rechnung.


