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May 6 / 6:18am

Wenn Hitler plötzlich verschwindet

Foto: buongiornoadorno

[Update: siehe unten]

In der FAZ darf sich in letzter Zeit bekanntlich so ziemlich jeder zu Wort melden, der dieses Digitalzeugs im Allgemeinen, Computer im Besonderen und das Internet im Speziellen für wahlweise ungesund, gefährlich oder einfach nur doof hält. Zu befürchten ist gar, dass die FAZ Wolfgang Grupp bald eine eigene Kolumne anbietet.

In diesem Kontext befragte das Blatt jüngst den sich im Ruhestand befindlichen Ästhetik-Professor Bazon Brock (Wikipedia) und übertitelte das Interview  mit "Das Netz ist die Hölle der neuen Welt" (übrigens ganz ohne Anführungszeichen, welche die Aussage als Zitat gekennzeichnet und somit ein wenig relativiert hätten, aber das nur am Rande).

Zwischen einer ganzen Menge hanebüchenem Schwachfug, den der Ex-Professor von sich geben durfte, fand sich in dem Interview auch diese mindestens bemerkenswerte Äußerung:

Wir waren vor Jahren viel weiter und haben gesagt, dass das, was die Lager der totalitär-faschistischen Regime, des stalinistischen oder des Hitler-Regimes waren, jetzt, als Weltlager, das Netz geworden ist.

Inzwischen liest sich die entsprechende Passage so:

Wir waren vor Jahren viel weiter und haben gesagt, dass das, was die Lager der totalitär-faschistischen Regime, jetzt, als Weltlager, das Netz geworden ist.

Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgangen sein, dass ein Österreicher und ein adjektivierter Georgier den Text inzwischen mit unbekanntem Ziel verlassen haben. (Das Original-Zitat findet sich noch im Hitler-Blog der taz.)

Da sich unter, über oder neben dem Text keinerlei Erklärung für das plötzliche Verschwinden der beiden Despoten findet, bleibt dem Leser natürlich nur die Spekulation. Wir spekulieren mit:

  • Vielleicht hat Bazon Brock ja überhaupt nicht Hitler, Stalin und das Internet in in einem Satz genannt, aber auf den batteriegetriebenen Kassettenrerkordern, mit denen FAZ-Reporter seit 1983 unterwegs sind, fanden sich beim Abhören Klänge, die man irgendwie als "Hitler" und "Stalin" deuten könnte. Mittlerweile hat Kathleen Hildebrand, die das Gespräch führte, diesen Fehler erkannt und klammheimlich korrigiert.
  • Der FAZ-Redaktion ist es im Nachhinein äußerst peinlich, auf eine derart unerhörte Unnsinnsbehauptung nicht wenigstens mit einer winzigkleinen Nachfrage reagiert zu haben.
  • FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher fand den Vergleich so knorke, dass er beschloss, seine nächste Tirade über die Digitalisierung der Gesellschaft "Warum das Internet Hitler ist" zu nennen und wies seine Online-Redakteure an, den entsprechenden Passus flugs aus dem Interview zu entfernen, um nicht des Hegemannens überführt zu werden.

Nun helfen Spekulationen auf der Suche nach der Wahrheit nur bedingt weiter, daher habe ich die Online-Redaktion der FAZ um eine Stellungnahme zu dem Vorgang gebeten und werde diese hier natürlich umgehend veröffentlichen. Bleiben Sie am Apparat!

[Update 7.5.] Inzwischen findet man diesen Zusatz unter dem Artikel:

Aufgrund vielfältiger Proteste gegen einen Nebensatz in diesem Interview (fünfte Frage, zweiter Satz: „des stralinistischen ... waren“) haben wir die nicht-argumentationsrelevante Passage am 4. Mai entfernt und dabei den Fehler gemacht, dies nicht zu kennzeichnen. Der (sic!) Blog von Mario Sixtus hat den Fehler aufgegriffen und damit eine Diskussion über die Notwendigkeit des Eingriffs ausgelöst, in der uns die Argumente dagegen überzeugt haben. Wir veröffentlichen das Interview daher wieder in der ursprünglichen Form. (7. Mai, 13.40 Uhr)

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