It’s The Asymmetry, Stupid!

Das Web ist voll des Buzzes über Google+, und es sieht ganz danach aus, als hätte Google dieses Mal so einiges richtig gemacht. Anders als viele dort draußen halte ich übrigens nicht die “Circles” und nicht die “Web-Offenheit” (wie auch immer man die definieren will) für den entscheidenden Aspekt, der Mark Zuckerberg an seinen Fingernägeln kauen lässt, sondern vielmehr die (zweifellos von Twitter inspirierte) Asynchronität Asymmetrie der Beziehungen.

Es gibt Menschen im Web, die interessieren mich sehr, die sich andererseits für mich aber nicht die Bohne interessieren. Im Netz ist das völlig normal. Ich muss dafür kein “Fan” sein und die mich interessierende Person kein “Promi” (obwohl es natürlich manchmal so ist). Facebook erlaubt solcherlei Einbahnstraßen-Verhältnisse nicht. Man ist dort entweder miteinander “befreundet” oder eben nicht. Facebook kennt nur das zweigleisige Teilen von Gedanken, Medien und Links. Das entspricht dem Verhalten in der Offline-Welt, aber eben nicht der Kultur des Webs, in der es üblich ist, dass auch Wildfremde etwas miteinander “sharen”. (Ausnahmen sind die “Fan”-Seiten auf Facebook, aber die sind kein Default.).

Das läuft bei Google+ prinzipiell anders: Ich folge dort beispielsweise den (öffentlichen) Updates von Sergey Brin und Larry Page, ohne, dass sie irgend eine “Freundschaft” o.ä. bestätigen mussten. Das finde ich sehr webby.

Ich habe keine Ahnung, ob Google+ durch dieses Feature viele Facebook-Nutzer zum Wechseln bewegen wird, aber klar ist: Zuck könnte in diesem Fall seine Fratzenfibel nicht mal eben updaten. FB und G+ sind nach grundsätzlich unterschiedlichen Philosophien konstruiert: Die Fressenkladde versucht die Kohlenstoffwelt abzubilden, Plus ist aus der Kultur des Web gewachsen.

Altes gegen neues Denken. Hörst Du das, Evolution? Mach Dich an die Arbeit!

(Update: Ja, “asymmetrisch” ist natürlich wortrichtiger als “asynchron”. Ich habe zu viel Zeit im Schnitt und zu wenig in der Geometrie verbracht.)

31 comments
Jul 01, 2011
pirmin said…
asymmetrisch?
Jul 01, 2011
Patrick T said…
An den Aspekt habe ich noch garnicht gedacht… aber stimmt. Ich denke das ist wirklich ein wesentliches Manko bei FB.
Jul 01, 2011
ices said…
Genau das ist der Punkt bei Google+ was es so interessant macht.
Eine perfekte kombination von Twitter und Facebook.
Man kann schnell “Alle” erreichen wenn man mag und dennoch einen Freunde Stream haben.

Es kommt Twitter teilweise wirklich sehr nah und macht es dennoch einfach neue leute über Kommentare kennenzulernen. Hoffentlich kommen bald Hashtags dazu.

Die restlichen Google Dienste helfen G+ zur echten Facebook Alternative (Kalender, Picasa, Video Chat und demnächst auch Spiele)

Jul 01, 2011

AetherMcLoud said…
Da kann ich nur voll und ganz zustimmen. Diese Synchronität, das Alles-oder-Nichts Prinzip auf Facebook hält mich bis heute (u.a.) davon ab es zu benutzen. Ansynchrones Following erlaubt einfach viel mehr Freiheit. Und wenn beidseitiges Interesse besteht, so followed derjenige eh zurück.
Jul 01, 2011

isotopp said…
Du meinst asymmetrisch. Nicht asynchron.
Jul 01, 2011

Mario Sixtus said…
@isotopp Sie das Update.
Jul 01, 2011

neurotroph said…
Das halte ich persönlich für nicht ganz zutreffend.
Ja, es ist richtig, dass G+ einen anderen Ansatz wählt und andere Philosophien umsetzt. Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass der Google-Ansatz aus der “Kultur des Webs” entspringt – im Gegenteil: Ich denke, dass der Google-Ansatz die Kultur der realen Welt viel besser umsetzt als Facebook.
Ich kann auch dort draußen die Ideen von Menschen spannend finden und ihnen “folgen” wollen, ohne sie persönlich zu kennen oder mit ihnen in einer symmetrischen Beziehung zu stehen: Wenn ich Zeitungen oder Bücher lese, dann kenne ich die Journalisten und Autoren meistens nur vom Namen und sie kennen mich schon überhaupt nicht.
Man kann die Medien auch aus der Gleichung streichen, wenn man öffentliche Veranstaltungen mit Redner wählt.

Aus diesem Grund ist G+ für mich viel “realistischer” als Facebook, wo ich künstlich zu einer Symmetrie gezwungen werde. Facebook ist schwarz-weiß. Google ist bunt. Und die Welt da draußen ist noch viel bunter.

Jul 01, 2011

SheephunteR liked this post.
Jul 01, 2011

SheephunteR said…
Wo ist denn hier der +1-Button?
Jul 01, 2011

avichr said…
An die verlorenen Seelen auf den sinkenden Facebook- und Twitter-Schiffen. Die G+ Rettung ist nah!
Sehr gut, Sixtus. DAS ist wirklich eine interessante Erkenntnis. Ich hab mir vorhin zwar auch gedacht: “Hmm – ob jetzt G+ nicht auch “Ersatz” für Twitter werden könnte?” – aber auf diesen speziellen Aspekt bin ich nicht gekommen. Wenn Fratzenfiebel jetzt plötzlich alt aussieht – dann doch Twitter eigentlich noch viel mehr. Nicht?

Der Grund warum wir (viele/alle?) noch da und dort lange bleiben werden ist der jeweilige persönliche soziale Graph und die gelernten Info/Datamining/Kommunikations-Workflows, die jeder so hat.

Einfach Freunde exportieren und in G+ importieren langt ja nicht. Oder doch? Man könnte die verlorenen Seelen auf den sinkenden Facebook- und Twitter-Schiffen ja immerhin noch per “Mail” direkt erreichen, wenn man auf G+ was postet. Aber Mail liest ja “keiner” mehr. ツav

Jul 01, 2011

andrefriedrichs said…
Okay, Asymmetrie der Beziehungen bildet G+ gut ab. Alles lässt sich sich sehr feingliedrig konfigurieren. Geschenkt. Ich frage mich nur, ob das aus der Sicht von Mainstream-Nutzern wirklich sooo relevant ist? Und können sie das überhaupt handhaben? Oder: http://allthingsd.com/20110629/google-solves-the-social-privacy-problem-by-ma…
Jul 01, 2011
Veit said…
Interessanter Artikel! Jedoch haben sehr wahrscheinlich viele kein Interesse daran, ihre Internetbekanntschaften oder -freunde mithilfe von Technologie zu differenzieren. Dies hieße, sich bei jeder Beziehung einigermaßen über sie im Klaren sein. Außerdem, Kontakte und Tieferes kann man emotional auseinanderhalten, egal wie im Sozialen Netzwerk ein- oder zugeordnet.
Ist ja nicht jeder ein Reporter mit Schwerpunkt Internet und eben jenen wahrscheinlich sehr vielen sozialen Kontakten, die dazugehören!
Jul 01, 2011

Mario Sixtus said…
@andrefriedrichs Es mag sein, dass Twitter-Nutzer beim Verständnis der Google+-Funktionalität im Vorteil sind. Mir hat sich das Ding jedenfalls intuitiver erschlossen, als es FB jemals tat.
Jul 01, 2011

Mario Sixtus said…
@Veit Die Circles sind ein Add-On, mehr nicht. Du kannst G+ auch ganz ohne nutzen oder nur mit einem einzigen Kreis. Wie oben geschrieben: Die Kreise halte ich nicht für das große Dings.
Jul 01, 2011

andrefriedrichs said…
@sixtus Das Verwalten der Online-Beziehungen kann für nicht Twitter gestählte Mainstream-Nutzer schnell in einem Overhead-Alptraum enden. Beziehungen sind manchmal unklar, ändern sich (z.B. Jobwechsel). Im Prinzip leisten die G+-Circles ja auch nicht wesentlich mehr als die FB-Listen. Aber FB-Listen hat kaum ein FB-Nutzer, weil deren Pflege eben zu viel Arbeit ist. Bin gespannt, wann wir von den ersten Fällen von “G+ organizational burnout” hören werden…
Jul 01, 2011

Mario Sixtus said…
@andrefriedrichs Ich rede überhaupt nicht von Circles. Die muss kein Mensch nutzen, wenn er nicht will. Wenn man doch will, kann man auch einen einzigen Kreis namens “alle” nutzen. So mache ich es bei Diaspora. Die Granularität der Abstufungen bestimmt jeder Nutzer selbst.
Jul 01, 2011

andrefriedrichs said…
@sixtus Okay, kann man machen. Weshalb ich ja auch glaube, dass G+ für Twitter viel unangenehmer wird als für FB.
Jul 01, 2011
severint said…
wobei ich nur anmerken möchte, dass die fratzenfibel eine form der asymetrie bietet, die pages. und dieses konzept scheint mir für den gemeinen user klarer zu sein als die g+ philosophie.
Jul 01, 2011

Mario Sixtus said…
@severint Ja, Seiten sind eine Variante, die allerdings nur von einem Bruchteil der User genutzt wird und die man extra anlegen muss. Wie oben gesagt: Sie sind kein Default.
Jul 01, 2011
severint said…
@sixtus – das ist aber nur für die digitale elite relevant, die sich vor “freundschaftsanfragen” bei der fratzenfibel schützen will. dem “mob” ist klar, dass er sich 1:1 vernetzen kann und fan von seinen göttern werden kann…
Jul 01, 2011

andrefriedrichs said…
@sixtus “So, what is Google+ for then? It’s for us!” http://scobleizer.com/2011/07/01/why-yo-momma-wont-use-google-and-why-that-th…
Jul 02, 2011
Niels said…
Facebook kennt auch asymetrische Beziehungen. Wenn Person A Person B anfragt, sieht sie alle public status updates von B. Solange Person B die Beziehung in die Gegenrichtung nicht bestätigt, sieht sie hingegen keine Updates von A.
Ich denke es wird nur wenigen Wochen dauern, bis fb hier nachzieht, und z.B. solche hidden features in explizit wählbare zu wandeln.
Jul 02, 2011

tecxt liked this post.
Jul 02, 2011

Sascha Lobo liked this post.
Jul 02, 2011
BIG BROTHER said…
Als Mensch mit Interesse an Privatsphäre und Abscheu vor elektronischen Überwachungswerkzeugen kann ich hier weder “liken” noch “plussen” – allerdings möchte ich anmerken, dass mir die Verwendung des Begriffes “Philosophie” im Text aufstösst – handelt es sich bei dem beschriebenen Sachverhalt doch um ein recht profanes Feature. Das erinnert mich an krawatten-blutgestaute Company-Schwatzköpfe, die Ihre simplen Regeln zur “Philosophie” hochstilisieren und passt daher nicht gut zu Dir – es ist doch eine Deiner hervorstechenden Qualitäten, durch Präzision die wirklichkeitsschaffende Kraft der Begriffsmaschinerie erkenntlich zu machen.
Abgesehen davon würde es mich stärker beeindrucken, wenn sich die evolutionstreibende Netz-Intelligenzia nicht allzu lange mit solch minimalistischen Feature-Versteh-Diskussionen aufhalten würde und sich alsbald ein kollektives Nachdenken darüber entwickelte, was Google mit dem umfassenden Blick in unsere Gehirne und Beziehungen wohl anzufangen in der Lage wäre. Es kennt Deine Gedanken, weil es weiss, was Du suchst, es weiss, wann Du Dich an welchem Ort aufgehalten hast und jetzt kennt es auch Deine Kreise. Es ist völlig offensichtlch, dass eine solche Zusammenführung und Archivierung von privaten Daten eine Gefahr für die Zivilgesellschaft darstellt, das Missbrauchspotential ist zu gross – es sollte dringend mit allen Kräften daran gearbeitet werden, einen massenhaften Boykott dieser Services zu etablieren, anstatt ihnen schäfchen-doof hinterherzutrotteln! Das gilt natürlich auch für FB(I) und andere.

Eine wie auch immer mit tollen Features ausgestattete soziale Plattform der Zukunft muss dezentral sein mit maximaler Transparenz und informationeller Selbstbestimmung, ohne die Möglichkeit solcher Datensammlungen, die Infrastruktur muss von den Benutzern selbst getragen werden und es darf kein Zugriff durch Firmen, Institutionen oder Regierungen auf persönliche Daten überhaupt möglich sein – neben der Realisierung eines solchen Konzeptes in Software brauchen wir auch dringend eine gesetzliche Grundlage, die solche Dienste in ausschliesslich eben dieser Form erlaubt, damit das Netz der Zukunft nicht zu einem Orwell´schen Albtraum wird, die Zeit drängt. Also bitte hier nicht von Evolution schwafeln, wenn es doch mit wachen Augen keinen Schritt nach vorn zu sehen gibt – und zu den Waffen, bitte! 🙂

Jul 03, 2011

Olaf Kolbrück liked this post.
Jul 03, 2011
Astrid said…
Ich bin auf Facebook, auf Twitter und auf posterous (nein, ich logge mich nicht mit den accounts ein). Ich bin nicht auf Google+ und denke auch, das ich länger nicht dort sein werde. Es hat lang genug gedauert bis ich mich (un)freiwillig auf FB eingelassen habe (ich mag Privatspäre). M.M. nach bildet Google+, mit den oben beschriebenen Features die Kohlenstoffwelt ab. Und zwar so exakt wie möglich (es möge sich jeder überlegen warum sie das tun und was sie davon haben – ich bin schon lange davon ab zu glauben, das Google etwas tut was sie nicht langfristig für SICH nutzen wollen). FB war, wenn ich richtig informiert bin, ein Netzwerk für Hochschulfreunde bevor es explodiert ist, bildet also auch die Kohlenstoffwelt ab, nur eben einen anderen Teil und eben nicht so perfekt – und trotzdem kann ich dort bereits Seiten von Leuten folgen (und den updates) ohne dass diese mir folgen müssen. Das reicht mir an asynchronität und Preisgabe meiner Interessen – da kann ich wenigstens noch glauben, ich tue das nur aus persönlichem Spass. Den verlinkten englischen Artikel (why your momma won’t use Google+) halte ich für sehr relevant. Wer hat den, ausser den beruflich damit beschäftigten (oder die geeks) Lust und Zeit sein Leben zu kartographieren, sich in jedes neue IT tool einzuarbeiten usw.? Ich (nur als Beispiel) habe genug mit dem Leben in der Kohlenstoffwelt zu tun, so dass ich keine Lust habe, Stunden am Rechner zu sitzen. Twitter hat in den letzten Monaten schon stark gelitten – weil ich eben meine Twitter und FB accounts nicht verbinden will und mehr von den realen Freunden in Facebook als in Twitter aktiv sind (in FB kann man ja auch einfach Bilder, Kommentare usw. einstellen). Die werden auch von FB nicht weggehen, denn DAS Tool haben sie endlich gemeistert und das war oft schwer genug. Die, die nicht in FB sind, sind nicht-technik-affin und scheren sich einen Dreck um sowas wie Twitter, Facebook oder Google+. Die haben eine Firmenemail und das geht Ihnen schon auf den Keks. Google+ ist sicher ein tolles “Me too” Produkt, das den Vorteil hat, von Fehlern auf FB gelernt zu haben. Aber es ist auch mit anderer Intention gestartet – es WILL eine Konkurrenz sein. FB hatte keine / nicht viel Konkurrenz mit der es sich messen und verbessern konnte. Irgendwann werden ausserdem all die tollen Tools, die jedem jederzeit sagen wo ich bin, was ich tue und wie ich mich verhalte, automatisch die updates für google+ und FB haben, so das es letztendlich egal sein wird welches Tool ich benutze. Hauptsache, die Firmen können jederzeit meine Daten sammeln die ich Ihnen so bereitwillig gebe…. Noch eine Frage zum Schluss. Wieviele Milliarten Menschen hat dieser Planet und wieviele Milliarden nutzen FB oder Google+ (gmail usw..)? …soviel zur globalen Relevanz.
Jul 04, 2011
Michael said…
Ich wäre nicht so vorschnell wie @Astrid und würde gleich die Relevanz von Google+ in Frage stellen. Die Massen sind auch von Myspace zu VZ und von VZ zu Facebook gewandert. Ich wüsste nicht, weshalb in fünf Jahren nicht G+ das größte Netzwerk sein sollte. Momentan fehlt es sicher noch an “Features”, die FB für diese Zielgruppe ungleich attraktiver machen, aber wer weiß schon wohin die Reise geht.
Jul 04, 2011

Christian Henner-Fehr liked this post.
Jul 06, 2011
Rolf said…
Gute Analyse. Wobei mir das Konzept von Facebook schon insofern gefallen hat, weil die Idee alle auf bewusste, reflektierte weise zu vernetzen eigentlich ein Schritt nach vorne gewesen ist, während Plus sich den pragmatischen Gegebenheiten beugt und eben zurückgeht auf bekanntes Terrain. Die Facebook user waren leider nicht die klügsten als sie ihre Freunde die Trophäen gesammelt und nicht mehr die Vernetzung an Kommunikation geknüpft haben, die den Horizont für viele hätte erweitern können. Bei Plus werden die Menschen unter sich und mit ihrer eigenen Meinung alleine bleiben.
Sep 15, 2011
Alexander said…
Die Asymetrie ist glaube ich Fluch und Segen zugleich. Eine gewagte und gefährliche These ist Sysmtrie ist tendenziell ehr Frauenorintiert, asysmtrie wie auf google plus eher Männerorientiert. Eine einfache begründung hierfür, die eine Freundin von mir schön zusammengefasst hat – warum soll ich denn Leuten etwas mitteilen, die ich nicht kenne. Mehr dazu in ein paar Gedanken zu Google PLus http://www.121watt.de/blog/4484/google-und-warum-google-social-werden-muss/
Asymetrie als Follower aufbauen, in möglichst vielen Circles vertreten zu sein entsprich eher dem PS Geprotze der Männer.
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